Karl murmelt

Das Noagerlzelt manifestiert sich

Historische Koordinaten

1. Mai 1844, einhundertsechsunddreißig Jahre und 94 Tage bevor ich im Betonkoloss von Großhadern aus meiner Mutter Schoß kroch, zogen wütende Scharen der arbeitenden Bevölkerung – oder Hackler – durch die Münchner Straßen, zertrümmerten und zerstörten alles in ihrer Reichweite, inklusive oder insbesondere Schankstuben, öffentliche und behördliche Einrichtungen. Der König, das Schwein, hatte sich an den Bierpreis gewagt und weil, wer hackln geht außer dem kleinen und dem großen Rausch recht wenig Freude an seinem Leben findet, hatte der bayerische Souverän damit etwas Hundsgemeines getan. Die Strafe für´s Ficken ist bekanntlich das ungewollte Kind, die Strafe für den Suff sind lediglich ein zwei Tage miserablen Katzenjammers. Und wenn auch beiderlei Lust oft miteinander einhergehen und auf den Kater die Bekenntnis zum Kind oder zur damals noch viel schmerzvolleren und gefährlicheren Abtreibung folgt, fühlten sich die Hackler – was eben die wenige vorhandene Lebensfreude anging – gehörig in die Enge getrieben.
Nach ein paar Tagen und als sogar das Militär nicht auf Seiten des Schweins hatte mitspielen wollen, war der Spuk vorüber und das Bier wieder zum gewohnten Preis zu haben. Wiedereinmal war klar, dass man den Hacklern besser langsam und stetig das Leben vermiesen sollte und auf all zu große Sprünge zu verzichten gut beraten sei.

Hamburg, Anfang Juli 2017. Alle wissen noch Bescheid, dazu muss nichts gesagt werden. Außer das Eine: da trafen sich die Herrscher der 20 reichsten Volkswirtschaften und diskutierten ein Minimalmaß an Kooperation, um sich die lästigen, armen Schlucker daheim und in der Restwelt vom Hals zu halten. Man muss nicht befreundet sein, um gemeinsame Feinde zu haben.

Später Juli 2017. Die deutschen Autokonzerne werden um etwas Ablass gebeten. „Lasst sie bluten! Aber nur ein paar Tropfen, weil meine Nichte und ich da angestellt sind.“ Dailmer, MBW, IDAU usw. hatten sich bei ihrer Preisbildung abgesprochen, ein Kartellverstoß. Nun ist Autofahren nicht gerade die beruhigende Sorte Rausch, die eine Belegschaft müde, dafür mit viel Zucker im Blut bei der Stange hält. Dennoch passt die kleine Preisgemeinheit ganz gut in unsere Reihe des Schindluders mit den hackler´schen Begehrlichkeiten. Wäre ja auch scheiße, wenn der Steinbrecher Toni mit dem gleichen Hobel in die Arbeit käme, wie sein Chef.

 

„Scheiße ändern“
(Zitat eines US-amerikanischen Bürgerrechtlers; im Original: „Change shit“)

Aufruf

Hackler aller Länder kommt zu uns und sauft umsonst! Wies´n umsonst ist die Devise und dass wir uns zurück ertrinken, was uns seit Jahrzehnten wucherhaft aus den löchrigen Taschen gezogen wurde.
Warum auf der Wies´n? Weil der Mensch ein Mensch ist und auf ein Neues den Sommer hinter sich lassen muss, um sich ein gutes halbes Jahr durch klirrende Morgenkälte und pissende Himmel in die jeweilige Maschinerie zu schleppen, sei es ein Büro, eine Fabrikhalle, ein Außendienst oder jegliche Form von Bildungseinrichtung. Es wird Winter und wenn das kein Grund ist, sich zu besaufen, dann gehe ins Fitnessstudio wer mag, der Rest geht auf die Wies´n und fordert sein Recht ein.

Und wenn die Ersten von den Verteidigern der Zapfhähne niedergemacht sind und die allseits verhasste Polizei den Übrigen die Knochen bricht, wir werden euer scheiß Bier vernichten, wie wir es immer getan haben und die fettleberigen Toten werden aus ihren Gräbern kriechen und kotbeschmiert alles zerreißen, was sich ihnen in den torkelnden Weg zu stellen wagt. Blut in den Biergärten, Häute und Fleisch in den Gassen und auf umgestürzten Bierkutschen. Wirte wird man heulen sehen und mit letzten Kräften die Barkassen und Aktienpakete in ihre offenen Bäuche stopfen, ins letzte Versteck.
Und wenn es nicht klappt, dann machen wir das 13. Zelt auf, das Zelt für die armen Schlucker, für die Habenichtse, für den Rest, eben unser Zelt – das Noagerlzelt.

 

Das Noagerlzelt

Vor dem oben angeführten historischen und zeitgenössischen Hintergrund und weil eben wieder mal kein Blut fließen wird, ein Bierglasgemetzel ausbleiben wird, führen wir die neue Kategorie des Noagerlzeltes ein. Dort wird die zurückgelassene Brühe der sechs angestammten Münchner Brauereien plus Käfer-Zelt und dieser anderen Sekt-Schleuder, deren Namen mir entfallen ist, vereint, den genuin Rauschinteressierten und vor allem den Rauschbedürftigen für lau, das heißt umsonst zur Verfügung gestellt.
Wir weisen schon im Vorfeld jede Verdächtigung der heimlichen Kooperation mit den Besitzenden vehement zurück. Man wird uns den lacken Rest nicht freiwillig und unentgeltlich überlassen. Schon gar nicht werden die Regulatoren des Geländes ein stinkendes, von Kotze, Pisse, Scheiße und Sexualsekreten überlaufendes Festzelt in ihrer Mitte dulden. Das Noagerlzelt ist eine metaphysische Institution, ist das Lallen im Subtext und das Torkeln der Dissidenten mitten unter dem fröhlich sich verarschen lassenden Pöbel.

 

noagerlzeltfraktur

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Da Noag – Interview mit einem Pestwirt

Wir erinnern uns: Ende der 1990er Jahre versuchte ein unlauterer Brauer und Prinz von soundso Einzug auf dem Oktoberfest zu halten. Der damals adoleszente heutige Wirt des Noagerlzeltes hatte seit einem Jahr einen Bock zu verdauen, den er mit der Abgabe seiner Wählerstimme an die Sozis geschossen hatte. Die Agenda 2010 war in der Mache und der Nochnichtwirt stand an seinem Fenster, schaute verdrießlich auf die Kreuzung Ridler- und Geroltstraße, als er den schwind´ligen Regensburger Tross aus einem Karren mit Bierfässern und zwei Dutzend halbstarker Bankkaufmannsgesellen anrücken sah. Der Prinz auf dem Kutschbock hatte wohl vor, hinterrücks und durch den Bavariapark auf der Wiesn einzufallen, was jedoch – der werdende Wirt am Fenster musste schmunzeln – kurzerdings von einer zweiköpfigen Polizeistreife unterbunden wurde. Prinz und Gefolge drehten – derlei Manöver waren nicht bedacht worden – unbeholfen und etwas empört auf der Ridlerstraße um und traten den Heimweg an.

Redaktion (R): Herr Wirt, Sie haben den missglückten Regensburger Sturm als prägend beschrieben?

Noagerlwirt (N): Ja, da war mir klar: „Die Taxler (Anm.: Regensburger Adelsgeschlecht) stellen sich saublöd an. Das mach ich besser eines Tages.“

R: Waren Sie damals betrunken?

N: Ich denke ja.

R: Aber Sie waren doch bereits auf der Wiesn vertreten?

N: Das schon, nur halt als Randerscheinung.

R: Hatten Sie einen Bubenstreich im Sinn?

N: Vielleicht. Aber du musst bedenken, das war Ende der 90er. Schröder und seine Gang sind ein Jahr an der Macht, ich werde bald daheim ausziehen müssen. Hartz4 hat zwar noch nicht seinen Namen, zeichnet sich aber am Horizont recht deutlich ab und bei meiner Studienwahl, würde ich mit 98 prozentiger Wahrscheinlichkeit daran teilhaben, früher oder später.

R: Sie wollten sich ein zweites Standbein schaffen neben der drohenden Stütze?

N: Du verstehst unseren Gedanken falsch. Wir vom Noagerlzelt verdienen kein Geld mit dem was wir tun. Bei uns gibt es nichts zu kaufen, wir sind der Abfall der Gesellschaft und wir trinken Abfall. Wer dazugehört, weiß dass er dazugehört…

R: … oder sie…

N: Oder sie. (Schneidet die obere Hälfte einer Bierdose ab, schürzt die Lippen und trinkt vorsichtig den darin enthaltenen Rest) Du musst wissen, ich habe schon gewusst, wo ich dazugehör und wo ich mal landen würde, damals mein ich.

R: Ihnen war damals klargeworden, dass Sie zur Unterschicht gehören würden? Aufgewachsen sind Sie ja recht behütet.

N: Behütet oder nicht, in meinen Adern fließt die Soach, verstehst Du, das ist eine Einstellung zum Leben und zum Trinken, die in unserer Familie liegt, da kannst noch so viel Gymnasiast sein oder hochbesteuerte Eltern haben.

R: Noagerlsaufen ist also kein Phänomen der Unterschicht?

N: Doch, schon. Aber nicht nur. Wie halt das alte Sprichwort sagt, kriegst du den Hund von der Straße weg, aber niemals die Straße aus dem Hund heraus.

R: Ein altes Kleinbürgerthema.

 

In einem Bierglas auf unserem Tisch schwimmt ein Zigarettenstummel. Eine Fliege versucht sich aus ihrem nassen, gelben Grab an der Kippe hoch ins Trockene zu arbeiten. Zappelnde schwarze Beinchen im falschen Element, verklebte, aderige Membranen durchsichtiger Flügel, der Stummel rollt mangels Reibung an der Oberfläche auf der Stelle. Tretmühle im bierigen See, der leicht dezentrale Nikotinfleck eiert im Kreis, das Insekt zu dumm, sich Hoffnung zu machen und zu dumm, um aufzugeben. Der Noagerlwirt schaut versonnen zu, greift dann mit der Finesse eines Routiniers und mit spitzen Fingern ins Bier, schnippt Fliege samt Kippe in ein Gebüsch. Er trinkt.

 

R: Zurück zum Historischen. Es hat ja Tradition, dass nur in München ansässige Brauereien als Lieferanten für die Festzelte in Frage kommen…

N: … Und die Zipfin machen Preisabsprachen! Heuer an Elfer für die Mass. Des gibt’s nur beim Fußball, an Elfer, des kamma gar nimmer aussprechen. Der Zehner war schon eine Gemeinheit, aber der g´schissene Elfer…

R: Sind Sie betrunken?

Der Noagerlwirt blickt in eine nur ihm bekannte Ferne, in oder hinter dem Bretterzaun in meinem Rücken.

R: Also die sechs Münchner Brauereien. Wollten Sie ´99 eine siebte eröffnen oder war die Idee, sich Raum im Tumult zu verschaffen damals schon auf dem Tisch? Kann man vom Noagerlzelt als Idee sprechen? Wo es doch immer recht klein, fast unsichtbar war. Eine Idee, die heuer endlich Gestalt annehmen soll?

N: Es ist keine „Idee“. Ich sauf Noagerl seit ich klein war. Meine Eltern haben Noagerl g´soffen und meine Großeltern väterlicherseits. Davor gibt es keine Zeugnisse, weil die Urgroßeltern aus einem entlegenen Tal im Südosten stammten und da hatte man keine so genauen Kenntnisse vom Umgang mit dem Erbgut oder der Schrift. Einfache Leute, gute Christen und damit vermutlich auch entschiedene Gegner des vergossenen Tropfens. Aber das sind Hypothesen.

R: Das Noagerlzelt als Vermächtnis?

N: Genau! Ein Vermächtnis. Zudem ein Politikum. Die Wichser ziehen uns Trinkern den letzten Heller aus der Tasche, nur weil wir auch mal Flagge bekennen und mit den ganzen Anderen Zipfin zusammen trinken wollen. Möchte an der Stelle auch bescheidenst auf unser diesjähriges Manifest verweisen!

R: … Das sich, wie wir wissen, recht gewalttätig ausnimmt. Aber dazu später. Wie haben sich, sagen wir, Ihre Großeltern auf dem Oktoberfest verhalten? Haben sie auch Noagerl getrunken?

N: Mein Opa hat es geschafft, in Stalingrad an einer Leberzirrhose einzugehen. Das ist von ihm bekannt. Was mit ihm sonst vor und während dem Krieg war, da kann sich keiner dran erinnern. Meine Oma hat brav ausgeharrt, im Luftschutzkeller die Noagerl zamgsoffn, dass´s sie vor die Tür gsetzt ham. Da war´s dann gsessn, ohne Bier im Bombenhagel.

R: Unschön.

N: Ja, graißlich, aber die Zutzla im Keller san dastickt. Wie der vegetarische Obernazi dann tot war und es überhaupt mal wieder eine Wiesn gab, da is´s dann mit falscher Brosche und Dirndl umananda spaziert (Anm.: als Bedienung getarnt) und hat die Noagerl zamgsoffn.

R: Und in dieser Linie steht auch Ihre Firma?

N: Wir sind eine Bewegung!

R: Ein belegter Begriff, gerade hier in München.

N: Glei schehbats! Du bist a belegt! Man kann sich ja wohl noch anders bewegen, als wia im braunen Leibal und a Nazi.

R: Und doch haben sie Ordner mit Armbinden und Lederriemen quer über der Brust. Da kommen Erinnerungen hoch.

N: In unserem Geschäft muss man aufpassen, da gibt’s halt schnell mal eine Rauferei. Außerdem leisten wir integrative Arbeit, was unsere Ordner angeht. Wir holen die Burschn morgens von der Donnersbergerbrücke, geben ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit – eine Armbinde halt – und eine Aufgabe: da wird ja nicht nur gerauft, sondern auch viel geklaut, auf der Wiesn. Und weil bei uns besonders hart
gegen das Bier angearbeitet wird, geht da einiges verlustig. Und die Lederriemen verstehst Du falsch! Unsere Securities haben halt ein Faible für diese rechteckig-hochformatigen
Herrenhandtaschen.

R: In Ihrem Geschäft? Also doch was profitables?

Der Wirt entreißt mir mein Getränk und leert es in einem Zug.

R: Die Noagerlbewegung gab es also schon immer. Wie kommt es, dass Sie jetzt auf ein Mal die Notwendigkeit eines prominenteren Zeltes verspürt haben?

N: Ich bin zwar Wirt, aber wir sind eine Bewegung ohne Anführer, eine kopflose Bewegung. Hast Du Bataille gelesen, Acéphale? Da kannst nachschaun. Unser Zelt hats schon immer geben. Halt schräg am Hang und recht klein auch. Des
war immer des Besondere: kleiner wie der eigene Biergarten. Viel kleiner. Die meisten Gäste haben das Zelt gar nicht bemerkt und haben sich direkt im Garten niedergelassen.

R: Verständnisfrage: sprechen wir vom sogenannten Kotzhügel?

N: Ich sprech und du hältst dei Maul! Die Statik war immer schwer zu bewerkstelligen, weil wir unsere Fundamente nicht zu tief in den Hang eingraben ham wollen, da hätt´s Scherereien gebn. Oft ist also – bei gut besuchtem Biergarten hangaufwärts – unsere ganze Konstruktion unter dem Druck der schleimigen Massen abgerutscht, in Richtung Lieferanteneingang vom Hacker.

R: Es gab da öfters Negativschlagzeilen, wenn die liegenden Gäste unter die rutschenden Bretter geraten sind.

N: Seit ein paar Jahren werden die Inhaber der Liegeplätze mit Zeltheringen am Hang gesichert. Aber solche technischen Vorgänge schmälern halt schon die festliche Stimmung.

R: Also ist der Umzug auf die Hauptachse vis-a-vis Hacker und Augustiner baulich bedingt? Merkwürdig aber, dass man Sie all die Jahre im gefährlich rutschigen Zelt hat gewähren lassen, nur bei dessen Fundamentierung Widerstände in Position gebracht hätte.

N: Des hat nix mi´m Baureferat zum doa. Unterm Hang liang de oidn Bierkella verschütt und da woi ma ned ostecha. Des is besser, de Kellerleit san auf unsrer Seitn. De mäng des ned, wamma eana ins Dach einabetoniert.

 

An dieser Stelle musste das Interview abgebrochen werden. Der Noagerlwirt – von Freunden und Feinden bewundernd „da Noag“ genannt – hatte einen Grad an Alkoholisierung erreicht, der seine Rede undurchdringlich, die Artikulation zu schwammig machte für weitere Befragungen. Wer die „Kellerleute“ sind und warum man mit ihnen in Allianz zu gehen beabsichtigt, bleibt zu klären. Es scheint mir, „da Noag“ habe jenen diffusen und aufbrausenden Charakter, wie er typisch für genialische Künstler und durchtriebene Säufer ist.

*

Ein Spielfeldrand in Ramersdorf anderntags. Die Abmessungen des Feldes regulär und etwa so groß wie der Rasen in der Arena des heimischen Erstligisten. Bandenwerbung gibt es auch, nur sind die reklamierenden Firmen lange aus dem Branchenbuch getilgt. Der Noagerlwirt sitzt in sportlichlegerer Aufmachung am Tresen eines Imbisswagens, den Schuhen nach, fühlt er sich hier zu Hause,
der Jogginganzug riecht stark nach Waschpulver. Ein Geruch, der sich mit der Alkoholfahne des Noag zu einer Priese vermischt, die mir Jugenderinnerungen an den Chemieunterricht, an schlechtsitzende, weiße Kittel und den Lehrer Pötschner in die Nase treibt. Eine schöne Zeit, besonders der Magnesiumbrand war beliebt.
Der Wirt reicht mir ein Buch: „Da Noag und i – eheähnliche Jahre mit einem Pestwirt“, Moewig Verlag 2005. Ich nehme das Geschenk in Empfang, halte es für eine Reparation, mit Bezug auf die Ausfälligkeiten bei unserem letzten Gespräch.

 

R: Bei unserem letzten Treffen war wenig Zusammenhängendes aus Ihnen herauszubringen.

N: Ich war da unter großem terminlichen Druck gestanden.

R: Wiesnvorbereitungen?

N: Nein, Spezln. Man kennt mich und das soll so bleiben. Da wird an langen Tagen schon mal öfter auf´s gegenseitige Wohl getrunken. Das hilft übrigens, meine Oma ist recht alt geworden.

R: Sie arbeiten an Ihrer Unsterblichkeit.

N: Genau!

R: Und Sie haben´s ja auch schon in die Literatur geschafft.

N: Ja, über des Buch derfst gern schreim. Mei Oide hat da über unsere gemeinsame Zeit philosophiert und ich hab sie auf Tantiemen verklagt. Eigentlich geht’s in dem Schinken nämlich nur um mich und ab und zu vielleicht um ihr Sodbrennen oder den Durchfall.

R: Zurück zum Thema. Das Zelt gab es schon immer, haben Sie gesagt. Und dass die Schräglage am Kotzhügel billigend in Kauf genommen worden ist, von Ihrer Seite, wie von der Festleitung bzw. vom Baureferat.

N: Ja, das stimmt. Und dass wir um gute Nachbarschaft mit den Kellerleuten bemüht sind.

R: Sie erinnern sich an das Gesagte?

N: G´hört zum Beruf.

R: Wer sind die Kellerleute?

N: Das darf ich nicht sagen. Soviel vielleicht: die ham da schon gewohnt, lang bevor es ein Oktoberfest überhaupt gegeben hat. Weißt, des mit der Unsterblichkeit? Ich sag´s jetzt mal so: die trinken besonders fleißig auf ihr gegenseitiges Wohl. Fleißig und seit Langem.

R: Unterm Kotzhügel?

 

N. schweigt, sieht mir mit bäuerlicher Schläue in die Augen, seinen Wissensvorsprung unausgeführt im Raum stehen zu lassen. Ich bewundere diesen Mann, aber für solches Getue hasse ich ihn. Er war nie Bauer, er hat von der Welt nichts gesehen, außer ihren halbleeren Gläsern und da sitzt er hier am Imbisswagen und mimt den Erfahrenen.

 

R: Und warum nun der Umzug ins Kerngebiet auf der Hauptachse zwischen Hacker und Augustiner?

N: Wir sind katholisch geprägt, wenn wir auch nicht alle gleichermaßen gläubig sind. Es gibt Mysterien, die kann keiner erklären, selbst der Papst nicht. Ein solches Mysterium ist, dass wir mit unser´m Zelt ins Kerngebiet drängen.

R: Aber es muss doch irgendwer gesagt haben „Freunde, heuer gehen wir da und da hin“ oder „Es ist genug, wir Leute vom Noagerlzelt haben die Rutschpartie am Kotzhügel satt, wir sind eine Institution auf der Wiesn und als solche beanspruchen
wir jetzt einen anständigen Platz für unser Festzelt“. Irgendwer muss doch tätig geworden sein.

N: Tätig geworden is der Brennsuppn-Hias, aber ich hab mir gedacht, der wird schon wissen und wenn er´s nicht weiß, dann ist er halt berührt worden vom chaotischen Element oder von Gott oder von sowas.

R: Vielleicht von seiner Orientierungslosigkeit. Und von der Ahnungslosigkeit. Schon jetzt im Vorfeld sind Ihnen und Ihren Leuten ja massive Repressalien angekündigt worden.

N: Das stimmt, besoffen war der Hiasl schon, als er seinen Plan gezeichnet hat. Über mehr reden wir ja hier nicht. Das steckt alles noch in der Planungsphase.

R: Dafür ist aber der Ärger, dem Sie zur Zeit ausgesetzt sind, schon recht real.

N: Den Noag erschüttert nix. Außer vielleicht eine junge Liebe, die nach vielen Jahren einem ein Kind anhängen möchte. Wie er das so etwas versonnen vor sich hin sagt, knibbelt der Wirt den Dreck unter seinen Fingernägeln hervor, beäugt ihn zufrieden und schiebt ihn sich in den Mund.

R: Was fängt der Brennsuppn-Hias mit seinem plötzlichen Ruhm an?

N: Nix. Der schleicht nach wie vor unbemerkt an die Lagerstätten der Vagabunden unter den Isarbrücken und säuft denen ihre Weinpackerl leer.

R: Er trinkt Wein?

N: Wir sind ja kein Orden, aber wenn wir einer wären, dann würde das Gelübde auf Noagerlsaufen lauten. Da sind wir katholisch. Wir spezifizieren da nicht näher. Lassen Schlupflöcher für Leute wie den Hias.

R: Ihre diesjährige Spezialität wird ihm gewidmet werden, wie ich höre.

N: Die Brennsuppn-Mass.

R: Im Preis vermutlich auf einer Stufe mit der vorjährigen Soachhellen, umsonst. Was habe ich mir darunter vorzustellen?

 

Da Noag krempelt seine Ärmel hoch, übergibt sich in einen Mülleimer in Eiswaffelform am Tresenende. Darauf nimmt er einen Schluck aus meinem Radler, gurgelt, spült sich den Mund und spuckt das Getränk zurück in mein Glas. „Da“ sagt er. „Normal halt kein Radler, aber in der Not…“
Ich bin tief beeindruckt vom Können dieses Mannes, von der professionellen Contenance, die er selbst in so fordernden Momenten wie gerade eben zu wahren weiß. So will auch ich die Professionalität wahren und weiter meine beabsichtigten Fragen platzieren.

 

R: Danke. Bevor wir weiter Hypothesen spinnen, wie Ihre Aufstellung dem diesjährigen Oktoberfest standhalten wird und ob man Sie nun akzeptieren wird, wenn die Wiesn erst mal läuft, möchte ich nochmal in der Zeit zurückgreifen. Sie haben sich als Bewegung bezeichnet.

N: Als den Noag.

R: Aber Ihre Gruppierung, die Leute vom Naogerlzelt, das ist eine Bewegung?

N: Richtig, eine Abwärtsbewegung.

R: Und Sie haben jegliche Bezüge zu irgendwelchen Nazi-Gruppen von sich gewiesen. Wie hat sich denn Ihre Bewegung im Dritten Reich verhalten? Hat man Sie verfolgt?

N: Also meine Großmutter war nebenberuflich ja auch als Spiritistin tätig und hat da ganz gute Kontakte zu den Kellerleuten geknüpft. Angeblich war sie auch mal drunten, aber da gibt’s nichts beweiskräftiges dazu. Nein, insgesamt waren wir mehr so im Untergrund tätig. Die Nazis waren ja auf gesunde und disziplinierte Truppen aus, da waren wir schon ein Dorn im Aug.

R: Aktiv Widerstand hat aber niemand aus Ihren Reihen geleistet.

N: Das nicht, aber man hat uns als moralisch- und wehrzersetzend eingestuft.

R: Wobei ihr Großvater in Stalingrad war.

N: Richtig. Quasi eine Strafexpedition. Da war er wohl versprengt recht bald und dann auch tot.

 

Angemerkt sei hier, was aktenkundig ist: dass Großvater Noag wegen Trunksucht regelmäßig auf Himmelfahrtkommandos geschickt worden ist, von denen er meist betrunkener als bei Aufbruch zurückkehren sollte. Einmal war er längere Zeit verloren und man glaubte sich bereits seiner befreit, als man von erbeuteten russischen Gefangenen im Verhör erfahren sollte, es gebe einen „singenden Deutschen, der sich untot oder gesegnet vom Glück der Säufer“ in einer ausgebombten Weingeistfabrik halte. Tage später kam der Großvater Noag mit einem wüsten Stechen im rechten oberen Bauch zu seiner alten Kompanie getaumelt, etwas auf bayerisch fluchend, das keiner der anwesenden westfälischen Sanitäter übersetzen konnte. So sollte der Noag Senior in Stalingrad bleiben.

 

N: Von den anderen haben´s einige direkt vom Dachauer Volksfest ins KZ geschafft. Das weiß man ja, dass die Nazis keine anderen Bewegungen geduldet haben, als die ihrige. Zett Beh der Bröckerlbier-Ägedi hat sich in Dachau wie jedes Jahr durch die Massn der Leut gewildert, da hebt einer am Tisch plötzlich doch seinen Kopf und hat a schwarze SS-Uniform an. Im KZ hams eam dann an Himmlermass-Ägedi genannt.

R: War er dort weiter tätig?

N: Der Ägedi hat´s im Blut ghabt. Logisch hat der weitergoabat. Nur hat´s halt nix gebn und er war mehr so metaphysisch tätig. Aber auch hier wieder: das Spirituelle soll ma nia unterschätzen. Er war der Einzige von unseren Leuten, der Dachau überlebt hat und zwar mit ara Bierwampm vom andern Stern.

R: Wie sah das aus, das metaphysische Trinken?

N: Er hat allabendlich, wenn das Licht aus war, ein paar Gleichgesinnte um seine Pritsche versammelt und dann haben sie ihren Stammtisch abgehalten. Ab und zu sei irgend a Preiß oder dessen Gespenst dazugestoßn, den hams dann verjagt, ham kartlt, auf die Arbeit gschimpft, auf die Preißn eh und halt jede Menge ideelles Bier gsoffn.

R: Keine Naogerl?

N: Nein, wenn nix mehr da is, dann trinken wir voll. Katholisch halt, die letzten werden die Ersten sein und wenn wir erstmal Geistermassn saufn, dann aber nurmehr volle. Jedenfalls der Himmler-Ägedi hat´s gschafft, sich so dermaßen von seinem
Stammtisch im KZ verzaubern zu lassen, dass er aus der Geschichte mit ara Fettleber und gwampat das ois zspät is außagonga is.

R: Konnte das wer bezeugen?

N: Nein, aber der Ägedi war a ehrliche Haut. Zudem gibt’s Aufnahmen von ihm auf der ´46er Ersatzwiesn bzw. in unserm Zelt am Hang. Überlebt hat ers und fett war er auch.

R: Wenn es wahr ist, was Sie sagen, dann wäre Ihr Verein …

N: Truppe! Wir sind Krieger, also eine Truppe.

R: Dann wäre Ihre Truppe der einzige Geheimbund, dessen Verfolgung im Dritten Reich undokumentiert geblieben ist. Inwiefern sehen Sie sich als Kämpfer?

N: Wir kämpfen gegen das Bier an.

R: Aber Sie trinken es doch gerne?

N: Eine Hassliebe, die jeden Krieger ein Stück weit mit seinem Feind verbindet. Das ist Nahkampf, eine sehr intime Erfahrung. Das Würgen um Leben und Tod. Jedenfalls die Nazis, die haben uns nicht erkannt. Ich sags ja, eine Bewegung ohne Kopf, eine kopflose Bewegung.

 

Der Noag und ich sehen uns in die Augen, er wissend, ich etwas abschätzig. Ich bestelle mir noch ein Bier bei der Frau vom Imbisswagen, reiche dem Noag mein Noagerl, wir trinken. Und wir stehen da, in Ramersdorf am Fußballfeld, wo keiner spielt. Später abends dann Nachricht vom Noag. Er hat also Internet. Er rät mir ab, am ersten Wiesnsonntag aufs Oktoberfest zu gehen, das ist alles.

Da Noag – Interview mit einem Pestwirt

Wir erinnern uns: Ende der 1990er Jahre versuchte ein unlauterer Brauer und Prinz von soundso Einzug auf dem Oktoberfest zu halten. Der damals adoleszente heutige Wirt des Noagerlzeltes hatte seit einem Jahr einen Bock zu verdauen, den er mit der Abgabe seiner Wählerstimme an die Sozis geschossen hatte. Die Agenda 2010 war in der Mache und der Nochnichtwirt stand an seinem Fenster, schaute verdrießlich auf die Kreuzung Ridler- und Geroltstraße, als er den schwind´ligen Regensburger Tross aus einem Karren mit Bierfässern und zwei Dutzend halbstarker Bankkaufmannsgesellen anrücken sah. Der Prinz auf dem Kutschbock hatte wohl vor, hinterrücks und durch den Bavariapark auf der Wiesn einzufallen, was jedoch – der werdende Wirt am Fenster musste schmunzeln – kurzerdings von einer zweiköpfigen Polizeistreife unterbunden wurde. Prinz und Gefolge drehten – derlei Manöver waren nicht bedacht worden – unbeholfen und etwas empört auf der Ridlerstraße um und traten den Heimweg an.

Redaktion (R): Herr Wirt, Sie haben den missglückten Regensburger Sturm als prägend beschrieben?

Noagerlwirt (N): Ja, da war mir klar: „Die Taxler (Anm.: Regensburger Adelsgeschlecht) stellen sich saublöd an. Das mach ich besser eines Tages.“

R: Waren Sie damals betrunken?

N: Ich denke ja.

R: Aber Sie waren doch bereits auf der Wiesn vertreten?

N: Das schon, nur halt als Randerscheinung.

R: Hatten Sie einen Bubenstreich im Sinn?

N: Vielleicht. Aber du musst bedenken, das war Ende der 90er. Schröder und seine Gang sind ein Jahr an der Macht, ich werde bald daheim ausziehen müssen. Hartz4 hat zwar noch nicht seinen Namen, zeichnet sich aber am Horizont recht deutlich ab und bei meiner Studienwahl, würde ich mit 98 prozentiger Wahrscheinlichkeit daran teilhaben, früher oder später.

R: Sie wollten sich ein zweites Standbein schaffen neben der drohenden Stütze?

N: Du verstehst unseren Gedanken falsch. Wir vom Noagerlzelt verdienen kein Geld mit dem was wir tun. Bei uns gibt es nichts zu kaufen, wir sind der Abfall der Gesellschaft und wir trinken Abfall. Wer dazugehört, weiß dass er dazugehört…

R: … oder sie…

N: Oder sie. (Schneidet die obere Hälfte einer Bierdose ab, schürzt die Lippen und trinkt vorsichtig den darin enthaltenen Rest) Du musst wissen, ich habe schon gewusst, wo ich dazugehör und wo ich mal landen würde, damals mein ich.

R: Ihnen war damals klargeworden, dass Sie zur Unterschicht gehören würden? Aufgewachsen sind Sie ja recht behütet.

N: Behütet oder nicht, in meinen Adern fließt die Soach, verstehst Du, das ist eine Einstellung zum Leben und zum Trinken, die in unserer Familie liegt, da kannst noch so viel Gymnasiast sein oder hochbesteuerte Eltern haben.

R: Noagerlsaufen ist also kein Phänomen der Unterschicht?

N: Doch, schon. Aber nicht nur. Wie halt das alte Sprichwort sagt, kriegst du den Hund von der Straße weg, aber niemals die Straße aus dem Hund heraus.

R: Ein altes Kleinbürgerthema.

In einem Bierglas auf unserem Tisch schwimmt ein Zigarettenstummel. Eine Fliege versucht sich aus ihrem nassen, gelben Grab an der Kippe hoch ins Trockene zu arbeiten. Zappelnde schwarze Beinchen im falschen Element, verklebte, aderige Membranen durchsichtiger Flügel, der Stummel rollt mangels Reibung an der Oberfläche auf der Stelle. Tretmühle im bierigen See, der leicht dezentrale Nikotinfleck eiert im Kreis, das Insekt zu dumm, sich Hoffnung zu machen und zu dumm, um aufzugeben. Der Noagerlwirt schaut versonnen zu, greift dann mit der Finesse eines Routiniers und mit spitzen Fingern ins Bier, schnippt Fliege samt Kippe in ein Gebüsch. Er trinkt.

R: Zurück zum Historischen. Es hat ja Tradition, dass nur in München ansässige Brauereien als Lieferanten für die Festzelte in Frage kommen…

N: … Und die Zipfln machen Preisabsprachen! Heuer an Elfer für die Mass. Des gibt’s nur beim Fußball, an Elfer, des kamma gar nimmer aussprechen. Der Zehner war schon eine Gemeinheit, aber der g´schissene Elfer…

R: Sind Sie betrunken?

Der Noagerlwirt blickt in eine nur ihm bekannte Ferne, in oder hinter dem Bretterzaun in meinem Rücken.

R: Also die sechs Münchner Brauereien. Wollten Sie ´99 eine siebte eröffnen oder war die Idee, sich Raum im Tumult zu verschaffen damals schon auf dem Tisch? Kann man vom Noagerlzelt als Idee sprechen? Wo es doch immer recht klein, fast unsichtbar war. Eine Idee, die heuer endlich Gestalt annehmen soll?

N: Es ist keine „Idee“. Ich sauf Noagerl seit ich klein war. Meine Eltern haben Noagerl g´soffen und meine Großeltern väterlicherseits. Davor gibt es keine Zeugnisse, weil die Urgroßeltern aus einem entlegenen Tal im Südosten stammten und da hatte man keine so genauen Kenntnisse vom Umgang mit dem Erbgut oder der Schrift. Einfache Leute, gute Christen und damit vermutlich auch entschiedene Gegner des vergossenen Tropfens. Aber das sind Hypothesen.

R: Das Noagerlzelt als Vermächtnis?

N: Genau! Ein Vermächtnis. Zudem ein Politikum. Die Wichser ziehen uns Trinkern den letzten Heller aus der Tasche, nur weil wir auch mal Flagge bekennen und mit den ganzen Anderen Zipfin zusammen trinken wollen. Möchte an der Stelle auch bescheidenst auf unser diesjähriges Manifest verweisen!

R: … Das sich, wie wir wissen, recht gewalttätig ausnimmt. Aber dazu später. Wie haben sich, sagen wir, Ihre Großeltern auf dem Oktoberfest verhalten? Haben sie auch Noagerl getrunken?

N: Mein Opa hat es geschafft, in Stalingrad an einer Leberzirrhose einzugehen. Das ist von ihm bekannt. Was mit ihm sonst vor und während dem Krieg war, da kann sich keiner dran erinnern. Meine Oma hat brav ausgeharrt, im Luftschutzkeller die Noagerl zamgsoffn, dass´s sie vor die Tür gsetzt ham. Da war´s dann gsessn, ohne Bier im Bombenhagel.

R: Unschön.

N: Ja, graißlich, aber die Zutzla im Keller san dastickt. Wie der vegetarische Obernazi dann tot war und es überhaupt mal wieder eine Wiesn gab, da is´s dann mit falscher Brosche und Dirndl umananda spaziert (Anm.: als Bedienung getarnt) und hat die Noagerl zamgsoffn.

R: Und in dieser Linie steht auch Ihre Firma?

N: Wir sind eine Bewegung!

R: Ein belegter Begriff, gerade hier in München.

N: Glei schehbats! Du bist a belegt! Man kann sich ja wohl noch anders bewegen, als wia im braunen Leibal und a Nazi.

R: Und doch haben sie Ordner mit Armbinden und Lederriemen quer über der Brust. Da kommen Erinnerungen hoch.

N: In unserem Geschäft muss man aufpassen, da gibt’s halt schnell mal eine Rauferei. Außerdem leisten wir integrative Arbeit, was unsere Ordner angeht. Wir holen die Burschn morgens von der Donnersbergerbrücke, geben ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit – eine Armbinde halt – und eine Aufgabe: da wird ja nicht nur gerauft, sondern auch viel geklaut, auf der Wiesn. Und weil bei uns besonders hart
gegen das Bier angearbeitet wird, geht da einiges verlustig. Und die Lederriemen verstehst Du falsch! Unsere Securities haben halt ein Faible für diese rechteckig-hochformatigen
Herrenhandtaschen.

R: In Ihrem Geschäft? Also doch was profitables?

Der Wirt entreißt mir mein Getränk und leert es in einem Zug.

R: Die Noagerlbewegung gab es also schon immer. Wie kommt es, dass Sie jetzt auf ein Mal die Notwendigkeit eines prominenteren Zeltes verspürt haben?

N: Ich bin zwar Wirt, aber wir sind eine Bewegung ohne Anführer, eine kopflose Bewegung. Hast Du Bataille gelesen, Acéphale? Da kannst nachschaun. Unser Zelt hats schon immer geben. Halt schräg am Hang und recht klein auch. Des
war immer des Besondere: kleiner wie der eigene Biergarten. Viel kleiner. Die meisten Gäste haben das Zelt gar nicht bemerkt und haben sich direkt im Garten niedergelassen.

R: Verständnisfrage: sprechen wir vom sogenannten Kotzhügel?

N: Ich sprech und du hältst dei Maul! Die Statik war immer schwer zu bewerkstelligen, weil wir unsere Fundamente nicht zu tief in den Hang eingraben ham wollen, da hätt´s Scherereien gebn. Oft ist also – bei gut besuchtem Biergarten hangaufwärts – unsere ganze Konstruktion unter dem Druck der schleimigen Massen abgerutscht, in Richtung Lieferanteneingang vom Hacker.

R: Es gab da öfters Negativschlagzeilen, wenn die liegenden Gäste unter die rutschenden Bretter geraten sind.

N: Seit ein paar Jahren werden die Inhaber der Liegeplätze mit Zeltheringen am Hang gesichert. Aber solche technischen Vorgänge schmälern halt schon die festliche Stimmung.

R: Also ist der Umzug auf die Hauptachse vis-a-vis Hacker und Augustiner baulich bedingt? Merkwürdig aber, dass man Sie all die Jahre im gefährlich rutschigen Zelt hat gewähren lassen, nur bei dessen Fundamentierung Widerstände in Position gebracht hätte.

N: Des hat nix mi´m Baureferat zum doa. Unterm Hang liang de oidn Bierkella verschütt und da woi ma ned ostecha. Des is besser, de Kellerleit san auf unsrer Seitn. De mäng des ned, wamma eana ins Dach einabetoniert.

 

An dieser Stelle musste das Interview abgebrochen werden. Der Noagerlwirt – von Freunden und Feinden bewundernd „da Noag“ genannt – hatte einen Grad an Alkoholisierung erreicht, der seine Rede undurchdringlich, die Artikulation zu schwammig machte für weitere Befragungen. Wer die „Kellerleute“ sind und warum man mit ihnen in Allianz zu gehen beabsichtigt, bleibt zu klären. Es scheint mir, „da Noag“ habe jenen diffusen und aufbrausenden Charakter, wie er typisch für genialische Künstler und durchtriebene Säufer ist.

 

Ein Spielfeldrand in Ramersdorf anderntags. Die Abmessungen des Feldes regulär und etwa so groß wie der Rasen in der Arena des heimischen Erstligisten. Bandenwerbung gibt es auch, nur sind die reklamierenden Firmen lange aus dem Branchenbuch getilgt. Der Noagerlwirt sitzt in sportlichlegerer Aufmachung am Tresen eines Imbisswagens, den Schuhen nach, fühlt er sich hier zu Hause,
der Jogginganzug riecht stark nach Waschpulver. Ein Geruch, der sich mit der Alkoholfahne des Noag zu einer Priese vermischt, die mir Jugenderinnerungen an den Chemieunterricht, an schlechtsitzende, weiße Kittel und den Lehrer Pötschner in die Nase treibt. Eine schöne Zeit, besonders der Magnesiumbrand war beliebt.
Der Wirt reicht mir ein Buch: „Da Noag und i – eheähnliche Jahre mit einem Pestwirt“, Moewig Verlag 2005. Ich nehme das Geschenk in Empfang, halte es für eine Reparation, mit Bezug auf die Ausfälligkeiten bei unserem letzten Gespräch.

R: Bei unserem letzten Treffen war wenig Zusammenhängendes aus Ihnen herauszubringen.

N: Ich war da unter großem terminlichen Druck gestanden.

R: Wiesnvorbereitungen?

N: Nein, Spezln. Man kennt mich und das soll so bleiben. Da wird an langen Tagen schon mal öfter auf´s gegenseitige Wohl getrunken. Das hilft übrigens, meine Oma ist recht alt geworden.

R: Sie arbeiten an Ihrer Unsterblichkeit.

N: Genau!

R: Und Sie haben´s ja auch schon in die Literatur geschafft.

N: Ja, über des Buch derfst gern schreim. Mei Oide hat da über unsere gemeinsame Zeit philosophiert und ich hab sie auf Tantiemen verklagt. Eigentlich geht’s in dem Schinken nämlich nur um mich und ab und zu vielleicht um ihr Sodbrennen oder den Durchfall.

R: Zurück zum Thema. Das Zelt gab es schon immer, haben Sie gesagt. Und dass die Schräglage am Kotzhügel billigend in Kauf genommen worden ist, von Ihrer Seite, wie von der Festleitung bzw. vom Baureferat.

N: Ja, das stimmt. Und dass wir um gute Nachbarschaft mit den Kellerleuten bemüht sind.

R: Sie erinnern sich an das Gesagte?

N: G´hört zum Beruf.

R: Wer sind die Kellerleute?
N: Das darf ich nicht sagen. Soviel vielleicht: die ham da schon gewohnt, lang bevor es ein Oktoberfest überhaupt gegeben hat. Weißt, des mit der Unsterblichkeit? Ich sag´s jetzt mal so: die trinken besonders fleißig auf ihr gegenseitiges Wohl. Fleißig und seit Langem.

R: Unterm Kotzhügel?

N. schweigt, sieht mir mit bäuerlicher Schläue in die Augen, seinen Wissensvorsprung unausgeführt im Raum stehen zu lassen. Ich bewundere diesen Mann, aber für solches Getue hasse ich ihn. Er war nie Bauer, er hat von der Welt nichts gesehen, außer ihren halbleeren Gläsern und da sitzt er hier am Imbisswagen und mimt den Erfahrenen.

R: Und warum nun der Umzug ins Kerngebiet auf der Hauptachse zwischen Hacker und Augustiner?

N: Wir sind katholisch geprägt, wenn wir auch nicht alle gleichermaßen gläubig sind. Es gibt Mysterien, die kann keiner erklären, selbst der Papst nicht. Ein solches Mysterium ist, dass wir mit unser´m Zelt ins Kerngebiet drängen.

R: Aber es muss doch irgendwer gesagt haben „Freunde, heuer gehen wir da und da hin“ oder „Es ist genug, wir Leute vom Noagerlzelt haben die Rutschpartie am Kotzhügel satt, wir sind eine Institution auf der Wiesn und als solche beanspruchen
wir jetzt einen anständigen Platz für unser Festzelt“. Irgendwer muss doch tätig geworden sein.

N: Tätig geworden is der Brennsuppn-Hias, aber ich hab mir gedacht, der wird schon wissen und wenn er´s nicht weiß, dann ist er halt berührt worden vom chaotischen Element oder von Gott oder von sowas.

R: Vielleicht von seiner Orientierungslosigkeit. Und von der Ahnungslosigkeit. Schon jetzt im Vorfeld sind Ihnen und Ihren Leuten ja massive Repressalien angekündigt worden.

N: Das stimmt, besoffen war der Hiasl schon, als er seinen Plan gezeichnet hat. Über mehr reden wir ja hier nicht. Das steckt alles noch in der Planungsphase.

R: Dafür ist aber der Ärger, dem Sie zur Zeit ausgesetzt sind, schon recht real.

N: Den Noag erschüttert nix. Außer vielleicht eine junge Liebe, die nach vielen Jahren einem ein Kind anhängen möchte. Wie er das so etwas versonnen vor sich hin sagt, knibbelt der Wirt den Dreck unter seinen Fingernägeln hervor, beäugt ihn zufrieden und schiebt ihn sich in den Mund.

R: Was fängt der Brennsuppn-Hias mit seinem plötzlichen Ruhm an?

N: Nix. Der schleicht nach wie vor unbemerkt an die Lagerstätten der Vagabunden unter den Isarbrücken und säuft denen ihre Weinpackerl leer.

R: Er trinkt Wein?

N: Wir sind ja kein Orden, aber wenn wir einer wären, dann würde das Gelübde auf Noagerlsaufen lauten. Da sind wir katholisch. Wir spezifizieren da nicht näher. Lassen Schlupflöcher für Leute wie den Hias.

R: Ihre diesjährige Spezialität wird ihm gewidmet werden, wie ich höre.

N: Die Brennsuppn-Mass.

R: Im Preis vermutlich auf einer Stufe mit der vorjährigen Soachhellen, umsonst. Was habe ich mir darunter vorzustellen?

Da Noag krempelt seine Ärmel hoch, übergibt sich in einen Mülleimer in Eiswaffelform am Tresenende. Darauf nimmt er einen Schluck aus meinem Radler, gurgelt, spült sich den Mund und spuckt das Getränk zurück in mein Glas. „Da“ sagt er. „Normal halt kein Radler, aber in der Not…“
Ich bin tief beeindruckt vom Können dieses Mannes, von der professionellen Contenance, die er selbst in so fordernden Momenten wie gerade eben zu wahren weiß. So will auch ich die Professionalität wahren und weiter meine beabsichtigten Fragen platzieren.

R: Danke. Bevor wir weiter Hypothesen spinnen, wie Ihre Aufstellung dem diesjährigen Oktoberfest standhalten wird und ob man Sie nun akzeptieren wird, wenn die Wiesn erst mal läuft, möchte ich nochmal in der Zeit zurückgreifen. Sie haben sich als Bewegung bezeichnet.

N: Als den Noag.

R: Aber Ihre Gruppierung, die Leute vom Naogerlzelt, das ist eine Bewegung?

N: Richtig, eine Abwärtsbewegung.

R: Und Sie haben jegliche Bezüge zu irgendwelchen Nazi-Gruppen von sich gewiesen. Wie hat sich denn Ihre Bewegung im Dritten Reich verhalten? Hat man Sie verfolgt?

N: Also meine Großmutter war nebenberuflich ja auch als Spiritistin tätig und hat da ganz gute Kontakte zu den Kellerleuten geknüpft. Angeblich war sie auch mal drunten, aber da gibt’s nichts beweiskräftiges dazu. Nein, insgesamt waren wir mehr so im Untergrund tätig. Die Nazis waren ja auf gesunde und disziplinierte Truppen aus, da waren wir schon ein Dorn im Aug.

R: Aktiv Widerstand hat aber niemand aus Ihren Reihen geleistet.

N: Das nicht, aber man hat uns als moralisch- und wehrzersetzend eingestuft.

R: Wobei ihr Großvater in Stalingrad war.

N: Richtig. Quasi eine Strafexpedition. Da war er wohl versprengt recht bald und dann auch tot.

Angemerkt sei hier, was aktenkundig ist: dass Großvater Noag wegen Trunksucht regelmäßig auf Himmelfahrtkommandos geschickt worden ist, von denen er meist betrunkener als bei Aufbruch zurückkehren sollte. Einmal war er längere Zeit verloren und man glaubte sich bereits seiner befreit, als man von erbeuteten russischen Gefangenen im Verhör erfahren sollte, es gebe einen „singenden Deutschen, der sich untot oder gesegnet vom Glück der Säufer“ in einer ausgebombten Weingeistfabrik halte. Tage später kam der Großvater Noag mit einem wüsten Stechen im rechten oberen Bauch zu seiner alten Kompanie getaumelt, etwas auf bayerisch fluchend, das keiner der anwesenden westfälischen Sanitäter übersetzen konnte. So sollte der Noag Senior in Stalingrad bleiben.

N: Von den anderen haben´s einige direkt vom Dachauer Volksfest ins KZ geschafft. Das weiß man ja, dass die Nazis keine anderen Bewegungen geduldet haben, als die ihrige. Zett Beh der Bröckerlbier-Ägedi hat sich in Dachau wie jedes Jahr durch die Massn der Leut gewildert, da hebt einer am Tisch plötzlich doch seinen Kopf und hat a schwarze SS-Uniform an. Im KZ hams eam dann an Himmlermass-Ägedi genannt.

R: War er dort weiter tätig?

N: Der Ägedi hat´s im Blut ghabt. Logisch hat der weitergoabat. Nur hat´s halt nix gebn und er war mehr so metaphysisch tätig. Aber auch hier wieder: das Spirituelle soll ma nia unterschätzen. Er war der Einzige von unseren Leuten, der Dachau überlebt hat und zwar mit ara Bierwampm vom andern Stern.

R: Wie sah das aus, das metaphysische Trinken?

N: Er hat allabendlich, wenn das Licht aus war, ein paar Gleichgesinnte um seine Pritsche versammelt und dann haben sie ihren Stammtisch abgehalten. Ab und zu sei irgend a Preiß oder dessen Gespenst dazugestoßn, den hams dann verjagt, ham kartlt, auf die Arbeit gschimpft, auf die Preißn eh und halt jede Menge ideelles Bier gsoffn.

R: Keine Naogerl?

N: Nein, wenn nix mehr da is, dann trinken wir voll. Katholisch halt, die letzten werden die Ersten sein und wenn wir erstmal Geistermassn saufn, dann aber nurmehr volle. Jedenfalls der Himmler-Ägedi hat´s gschafft, sich so dermaßen von seinem
Stammtisch im KZ verzaubern zu lassen, dass er aus der Geschichte mit ara Fettleber und gwampat das ois zspät is außagonga is.

R: Konnte das wer bezeugen?

N: Nein, aber der Ägedi war a ehrliche Haut. Zudem gibt’s Aufnahmen von ihm auf der ´46er Ersatzwiesn bzw. in unserm Zelt am Hang. Überlebt hat ers und fett war er auch.

R: Wenn es wahr ist, was Sie sagen, dann wäre Ihr Verein …

N: Truppe! Wir sind Krieger, also eine Truppe.

R: Dann wäre Ihre Truppe der einzige Geheimbund, dessen Verfolgung im Dritten Reich undokumentiert geblieben ist. Inwiefern sehen Sie sich als Kämpfer?

N: Wir kämpfen gegen das Bier an.

R: Aber Sie trinken es doch gerne?

N: Eine Hassliebe, die jeden Krieger ein Stück weit mit seinem Feind verbindet. Das ist Nahkampf, eine sehr intime Erfahrung. Das Würgen um Leben und Tod. Jedenfalls die Nazis, die haben uns nicht erkannt. Ich sags ja, eine Bewegung ohne Kopf, eine kopflose Bewegung.

Der Noag und ich sehen uns in die Augen, er wissend, ich etwas abschätzig. Ich bestelle mir noch ein Bier bei der Frau vom Imbisswagen, reiche dem Noag mein Noagerl, wir trinken. Und wir stehen da, in Ramersdorf am Fußballfeld, wo keiner spielt. Später abends dann Nachricht vom Noag. Er hat also Internet. Er rät mir ab, am ersten Wiesnsonntag aufs Oktoberfest zu gehen, das ist alles.

in rom (7, 11, 12, aus)

30 ameisen

7

VOR DEM KILOMETERLANGEN HAUS CORVIALE SPIELT EIN HUND MIT EINEM STEIN, IN EINEM FORUM AUS BETON.

der stein knackt auf dem boden, der  hund schnaubt, springt, bremst ab im staub. er ist da aufgewachsen, er kennt es nicht anders. kennt nur stein, gestrüpp, die paar zerzausten esel von einer angrenzenden weide. das tier bleibt, wo es sich heimisch fühlt. es spielt und schlägt sich herum mit dem, in das es geworfen wurde. sein herr hat ihm vom rand diesen faustgroßen stein in das gegossene forum fallen lassen, das hat geknackt, stein auf beton knackt. der tag heiß, die zeit: um mittag herum.

11

peterchen

PETERCHEN, ICH HAB DICH WIEDERGESEHEN,

ich hab dein bild endlich gefunden. du warst vor der bar der diebe gesessen, hast nicht aufgeschaut als das auto mit den acht kameras vorbeigefahren ist. du hattest erwähnt, dass dein blick ohnehin schon trübe sei und leergepumpt von all den linsen. du, oder dein wesen hatte es erwähnt. „mit acht kameras und ohne kanonen“ haste gesagt und „die schießen nicht, die saugen den horizont auf, kein stück licht kann entkommen.“

neben dir ein pärchen, oder sonstwie zusammengehörig ein mann und eine frau, beide mit nachträglich verwischten gesichtern. es gibt zwei bilder von euch, auf dem einen schaut sie rüber zu dir und er in die kamera. nicht zu erkennen, ob sie dich etwas gefragt hat, oder du etwas in deinen dicken hals gemurmelt hast. schon erkennbar, dass er einen bart trägt. auf der zweiten aufnahme – oder der ersten, es hängt von der surfrichtung ab – sitzt du ungerührt, während in der pixelsuppe der frau ein lachender mund klafft. die suppe des mannes ist weiter im bann der kamera.

es war wohl herbst, oder ein kühles frühjahr auf dem foto, ihr trugt dicke stoffe, hochgeschlossen.

11

EIN SATELLIT KNUTSCHT NICHT

das würde ihn zu nahe an etwas ranholen, das manni aufgabe nennt. „sich nach dahin aufgeben, bisschen wie ein paket, aber auch weil man etwas zu tun hat mit wem. weg vom beobachterposten.“ und dann das mit dem ausdruck. sowie man dem gewusel und den häuschen näherkommt, scheinen die alle etwas zu wollen. da muss man dann mit einem mal auf ausdruck umschalten, wo doch vorher alles auf sammeln getrimmt gewesen war, da schwebe ich so durch den ort, taub für alles fremde verständnis, gerade zum busfahren und kaffeebestellen reicht der austausch, mir doch latte, ob sie was von mir halten. dann hormonparty, dann also doch ausdruck, nicht ganz ohne fahrtwind an den anderen vorbeigeweht, mehr noch, sogar in touch und so, was nice ist, aber auch das ende der raumfahrt, absturz richtung oberfläche, ins getümmel.

*

voll übertrieben meinte manni, ich solle mir nicht ins hemd machen wegen so ein bisschen eingliederung. ich glaube, er hatte keinen bock mehr auf das geseihe von der raumfahrt und dem selbstverständnis als satellit. hat mich in eine unterführung gezerrt und ins 30 ameisen. da hing schimmel in der luft und rockmusik. manni: „30 ameisen, das gibt es nicht. das gibt es nur, wenn die welt beendet ist. dann wird man auf manchen ihrer trümmer 30 stück ameisen finden. bis dahin treten sie nur zu tausenden in erscheinung.“ 30 ameisen. das ist gut, ich bin versöhnt, hab was zum einsacken gefunden. ich notiere mir die adresse für den fall, dass die welt untergeht, sage es aber keinem, nichtmal manni, weil ich nicht auf tarantino machen will, oder auf the doors.

wir prüfen die tanzfläche, finden die musik niedlich und die leute auch.

wo spielen hunde mit steinen

12

(die matschgesichter auf ihren hohlen untersätzen haben nicht mal bis münchen gewartet, sie haben sich schon am gate breit gemacht, in fiumicino bei rom. da schielten sie auf den geflissentlichsten unter ihnen, auf jemanden, der endlich mal wieder ordentlich ein heft in die hand nehmen und eine warteschlange bauen würde. eine anständige, wo man anstehen könnte und zur belohnung dann später mal drankäme.

che cazzo)

aus

cazzo fiumicino

in rom (3)

ach, durch kleine löcher in der trambahnwerbung das kolosseum roms erkennen.

versehentlich im vorbeifahren, auf mannis anraten, der sagt: „hey! dort: das kolosseum.“

„ach!“, dabei aber mehr auge auf die wartenden am nächsten halt, unter denen ein kontrolleur verborgen sein kann.

zirkus maximus und ungerührt bleiben,

ach, 2000 jahre staub drauf,

ach, eine sandburg, an die der hund gepinkelt hat.“

*

in san lorenzo, nahe der uni sitzt simone ohne zähne, im tor einer lagerhalle. er ist von den roten briganden abgestellt, deren müllautos zu bewachen und vor allem diese halle. simone quilt aus seinem sakko und dem pinken polohemd raus, die jeans trägt er weit, das gesicht gibt sich unter kindlichem speck zornig. vor zwei monaten haben seine chefs, eine art italienischer r.a.f., den unerfahreneren vormaligen besetzern die lagerhalle abgenommen. man war zum treffen mit einem revolover erschienen und hatte die wahrheit propagiert, mit sofortiger wirkung die neuen cazzi im haus zu sein und als solche ein anrecht auf die schlüssel haben. vormals und für zwei wochen saßen zornige queers mit undercuts in der einfahrt, seither sitzen da typen wie simone und schauen böse drein. außer den blick und dem misshandelten hund unter seiner haut, hat der wächter nicht viel qualifizierendes an sich. simone spricht hell und mit weichen lippen (psychohund schon nach dem ersten satz verschwunden), er freut sich über besuch und dass er eine führung durch die besitzung geben kann (psychohund ausgestauscht gegen spielwütigen familienköter). außer den zwei lkws lässt nichts auf die recyclingfirma der terroristen schließen, alles leer und staubig, an einer wand in einem dunklen kämmerchen ein stundenplan in a0, von den studentischen besetzern zurückgelassen, ein dienstplan für wachschichten, spärlich ausgefüllt. simone schlendert vor uns her, schenkt uns einblicke in sein protektorat, dick auf die rechte gesäßtasche aufgestickt wackelt ein schriftzug, „carlo kany“. ich bin zu langsam um manni zu bitten, meine fragen an unseren guide zu übersetzen. sind nicht viele, ich bring´s trotzdem nicht. es bleibt der spekulation überlassen, was mit simones zähnen passiert ist. ärger im guerillakampf, zuviel süßkram, chrystal. auf den scheiben der laster ein fragiler staubfilm, der bei jeder nächstbesten ausfahrt wegwehen würde. an einer längsseite der halle ist verbliebene habe der studentischen besetzung aufgereiht und soll wohl auf den recyclinganspruch verweisen. das ganze eine halbherzig geführte scheinfirma, geheucheltes ökoprogramm der roten brigaden, die eine bereitschaft zum kompromiss mit den herrschenden verhältnissen vortäuschen möchten.

*

an einem anderen abend ist vokü in der communia, was die ausweichbesetzung der verjagden studenten ist und ein klarer jackpot, verglichen mit der rotten halle auf die simone aufpassen muss. das essen riecht fad und kostet acht euro. vollfail, unbedingt einen diss auf qype und bei google wert. der chefkoch wäscht die zuccini im bidet, meint vermutlich das sei ok, wo er doch sein langweiliges gesicht auch schon drin gewaschen habe. ich hatte auf alte und faltige kommunistenmamas gehofft, die wüst schimpfend und volksweisen gröhlend spaghettinudeln und eine volksmäßig einfache traumsauce kochen. stattdessen der gleiche schrott wie sonstwo in den voküs, nur eben acht euro stark. manni dreht kurz durch, kauft bier und verballert seine wertvollen filme, setzt sich dann ab, sich bezirzen zu lassen. ob er einen freund habe und wenn ja, ob deutsche männer eifersüchtig seien. manni nimmts gelassen bzw. ist zu besoffen, die handfeste anmache als solche zu registrieren. ich werde nicht grün mit dem anwesenden volk, schlage meine beine übereinander, gebe vor, etwas in meinen block zu notieren. als kleines tüpferl affektierten gehabes, spitze ich meinen bleistift im mitgeführten bakelitspitzer an und glotze auf beine. ich schreibe dann tatsächlich etwas auf, das ich mehrmals umformuliere, bis es wirklich unangenehm ist: „es geht beim gemeinsamen essen nicht darum, dass es schmeckt. es geht darum, den stoffwechsel einem gemeinsamen rhythmus näher zu bringen.“ manni schielt auf die titten einer dame mit hund und meint (echt jetzt) „mann, diese bitches. ein paar der hiesigen girls gehen mir echt mal auf die eier.“ ich weiß nicht was er meint, was aber nichts ausmacht. er reicht mir ein bier. er kann nicht mehr, fährt er fort, die nieten übernehmen hier das kommando, mit voranschreitender müdigkeit sei die stunde der nieten gekommen. omnia sunt communia, tss, omnia sunt bitches. ein hoffnungsschimmer ist immerhin das neue klo, das strategisch günstig und somit weit von der küche und dem koch entfernt installiert wurde. manni nickt ein, ich klaue seine flasche.

dann kommt die erscheinung.

im hof des besetzten hauses schlängeln sich zwei straßenhändler durch die essenden, einer mit armreifen, einer mit roten rosen. ich remple manni an, das müsse er sich reinziehen, die klimmbimm-dealer haben ein gespür für sowas, sie haben erkannt, dass es sich um ein freizeitvergnügen handelt. grande! manni findet´s auch gut, macht ein foto, ruft „omnia sunt freizeitpark“ was außer ihm und mir niemand versteht. wir sind uns dann doch ein bisschen unangenehm und gehen nach hause.

ich weiß nicht was zu tun ist, ich habe das kolosseum durch die leerstellen im raster einer straßenbahnwerbefläche gesehen und zwei straßenhändler, die im besetzten haus ihr glück versucht haben. beim kolosseum hatte es geholfen, den kopf hin und her zu bewegen, in der manier eines huhnes, damit der blick nicht an der reklame haften bleibe, weiter durch die kleinen löcher entkommen könne. im vokühof hatte ich auch hin und her gezuckt, mal hierhin mal dahin geschaut, mir schmutziges gedacht und bier getrunken.

in rom (9)

manni kennt eine bar, da hat er mich gleich am ersten tag hingeführt, er nennt sie „die bar der diebe“. der ort bleibt geheim, manni hält ja schließlich auch dicht, nur dass man den tiber überqueren muss, darf ich verraten. in der bar gibt es einen schankraum mit tresen und einen gastraum mit heldengalerie. da hängt ein bild von peterchen, der stammgast und ab und zu im deutschen film tätig ist. schmutzig ist es hier nicht, sauber auch nicht, es ist gealtert. alt genug, dass peterchens foto vergilben konnte, bilder in ungnade gefallener helden zu drei vierteln und damit erst recht erniedrigend von der tapete gerissen werden konnten.

das klo hat kein schloss, die eiscrème kühlt in stahlurnen.

dass die beiden orte – klo, eisbehälter – zusammengehören, ist in der regel eine ästhetische und unverrückbare wahrheit, einzig die bar der diebe klinkt sich da aus. es gibt hier eis, aber es wird nicht in schmierigen, bunten und halbverlaufenen gebirgen und in lauwarmem licht präsentiert. in einer ecke hängt ein schild, mit steckbuchstaben stehen darauf die sorten, hinter, halb unter dem tresen sind die urnen mit dem eis versenkt, unter stahldeckeln, nichts zu sehen, kein bonbondurchfall, kein kindertraum. die können woanders träumen, keine kinder in der bar der diebe, keine kinderkarren, höchstens mal ein verirrtes pärchen, das die signale des ortes nicht verstanden hat, versucht seine wege durch rom als bing- oder googlekarte nach facebook hochzuladen. auch versucht mit heimischem singsang einen latte zu ordern. deutsche christen mit kinderwunsch und angst vor dem sex.

das da vor der bar würde in wien garten heißen. große blumentöpfe voll gebüsch schützen die säufer vor dem blick auf arbeitende beine und räder nebenan. weil die bar in einem abseitigen winkel liegt, hält sich solches treiben hier ohnedies in grenzen. trotzdem, ein schutzwall vor der mühsal stapfender füße. nicht, dass hier ein missverständnis aufkommt: die gebüsche um die bar der diebe unterscheiden sich in kaum etwas von denen um andere bars, oder kneipen. nur in 20 zentimetern grünzeug, das hier weiter in die höhe wächst als andernorts. man sieht die passanten von der brust aufwärts, maximal von der gürtellinie. durch ein, zwei löcher im gestrüpp ist – bei bedarf – das ganze ausmaß zu erkennen. lohnt ja auch ab und zu, wenn etwas vorbeihübscht, oder wenig ortskundiges volk seine dumme nase rümpft, ein pittoreskes café sucht und sich darin von den wackligen tischen und ausgebleichten plastikstühlen der diebesbar beleidigt sieht. es ist besser, dass sie weitergehen, der kellner würde ihnen auch nicht in den kram passen. hieße die bar tatsächlich „die bar der diebe“, wäre seine gestalt aufgesetzt, gekünstelt. leute, die von einem adlerblick sprechen, haben keine ahnung worum es wirklich geht in diebischer gesellschaft. der typ ist geballte und dabei ziemlich stolze aufmerksamkeit. er ist eine mischung aus croupier und torrero, spielt den säufern neue drinks zu, achtet mit allen poren und königlicher nebensächlichkeit darauf, dass sich niemand schlecht, d.h. daneben benimmt. daneben, das macht sich fest an – zitat manni – „don`t shit where you eat“, verhunz nicht deinen eigenen stall. macht sich aber auch fest an „never feast with your enemy“, also bleib beim zechen unter deinesgleichen. die deutschen christen bekommen ihren latte, aber den müssen sie alleine und ohne heimliche sympathien der anderen gäste trinken. der kellner hat einen feinen mund, kindliche haut auf angespanntem gesicht, torrero ja, aber ein unterforderter, einer, der sich einen spaß draus macht, mit der stiergeriatrie zu spielen. er schaut einem beim bedienen niemals in die augen, sucht keinen blick. ein kumpel von manni meint: „horst scheuer mit knasterfahrung, dafür ohne newyork-komplex.“ (*horst sitzt auf einem dicken sparbuch voller coolness, hebt aber zögerlich davon ab. er steckt in einem verwaltungskorsett fest, das ihm anteilig geschnürt wird von der stadt wien, deren geahnter gastronomischer tradition und eben von horsts ermangelung eines trickbetrügerischen hintergrunds. horst besitzt ein restaurant im zweiten bezirk, horst hatte mannis kumpel nach einem abend probearbeit rausgeschmissen.)

mannis kumpel (h-linie, rom)mannis kumpel (h-linie, rom)

junkie und die füße von mannis kumpeljunkie und füße von mannis kumpel (auch h-linie)

vor der bar der diebe riecht es von früh bis spät nach gras, darauf ist man hier nicht stolz, es ist auch nichts verruchtes. diebisch fühle ich mich, wenn ich den mantel, den block und den beutel mit der kamera unter den dieben auf dem stuhl im garten liegen lasse, während ich aufs klo gehe.

in rom (2)

der ärger wird ohne verzögerung ausgetragen. er nimmt keinen umweg über innere hassbunker, oder labyrinthisches rumgedruckse. gleich raus, wenn es auch nur schnell im vorbeigehen ist. besitzer von kneipen oder ganzen stadtteilen mögen sich davon unterscheiden, ihre juristischen personen wiegen schwerer als ihre natürlichen, was letzteren bzw. deren gesichtern und körperhaltungen etwas angespanntes verleiht (sie stehen unter spannung, sind ein- oder aufgespannt zwischen oder über ihren besitztümern und dem was sie besitzt, also ihren ärschen und restlichen körpern).

kein beweis ist nötig, ich heiße auch nicht wirklich karl und manni (s. unten!) heißt auch nicht wirklich manni.

zurück: die normale gestalt im straßentreiben scheint nicht viel wut angestaut zu haben. eine kurze geste mit den händen, eine schnelle fratze im gesicht, irgendwas gemurmeltes das jenes wort „cazzo“ beinhaltet, danach ist der frieden wieder hergestellt. bei den schimpfenden und bei den beschimpften.

oder es gibt keinen frieden, aber auch keinen wunsch danach. das könnte dann bedeuten „nur immer schnell weiter im ich, kein cazzo ist es wert, sich über ihn weiters aufzuregen“.

bild: niemand geht aus versehen vor die tür / zwischen der einen und der anderen tür liegt mehr als ein glasfaserkabel

würde ist doch kein versehen

(auch bild: drei junge amerikanerinnen in der ubahn im gespräch mit zwei etwas älteren amerikanern. sie klären, woher sie alle stammen, anschließend erwähnt eine der jungen, sie sei heute morgen gejoggt und dass das der beste weg sei, in der fremde heimisch zu werden. nach rechts aus dem bild flitzendes haltestellenschild der stazione lepanto, das foto ist körnig weil in der ubahn aufgenommen, wo es an helligkeit mangelt.)

*

ich bin dann also auch zum joggen gegangen und tatsächlich, die junge frau hat recht, es hat sich heimisch angefühlt. draußen, nicht mit einem einkauf oder einem botengang belastet, dafür mit einer anderen aufgabe, nämlich das tempo zu halten und den rhythmus, weil man sonst seitenstiche bekommt vom durcheinander. vor der türe also immer mit einer aufgabe betraut, aber selten – vielleicht gerade noch im suff – mit der ausübung der puren person. also immer am arbeiten für etwas entferntes, darin sogar recht findig, ungeübt dafür im gewusel der millionen akuter interessen und ungereimtheiten zwischen den türen (die ungereimtheit zwischen den türen = öffentliches leben oder sogar öffentlichkeit?).

der park durch den ich gelaufen bin, ist mit hilfsmitteln für hündische und menschliche ertüchtigung möbliert. röhren und wippen, um die tiere darüberzuscheuchen, senkrechte leitern und leitern hoch über dem boden für die menschen. der park ein rechteck, die wege geschottert, einmal außenrum, sagt google, ist es genau ein kilometer. morgens ist hier wenig los, ein, zwei köter mit wenig engagierten führern, ein, zwei andere jogger und ich, dunkelgraue wolken am himmel, sonne auch, dicke tropfen in der luft und auf dem rücken eines typen der auf einer dieser horizontalen leitern liegestütze macht. wogendes unkraut auf der brache nebenan, in einem alten tempel die pattexkids, schnüffeln unter einem wellblechdach zum schutze des kulturerbes. abends die hölle los hier. man überholt einander auf der schotterpiste, fußballkids trainieren den sprint, einer stoppt die zeit, drei rennen nach kräften durch die wiese. mich selbst gefragt, welcher politischen orientierung ich so ein treiben zuordnen würde, murmel ich keuchend vor mich hin „faschisten“. unsinn, aber ich würde ja selbst so gerne die ertüchtigung bleiben lassen und ich wäre selbst so gerne alles, nur kein faschist. ein herr im weißen sakko fragt etwas auf italienisch, dann auf englisch. ob ich wisse, wo die karateschule sei. nein, weiß ich nicht. er bleibt glücklich, fragt weiter, ob ich je karate praktiziert habe, oder einen anderen kampfsport. er möchte ein gespräch anfangen, ich will weg, das heißt weiter meiner aufgabe nachgehen, also rennen.

in rom (ca. 6)

das ist unser haus, ich glaube wir gehen da wohl erstmal nicht raus

1. märchen in verkürztem deutsch / sie hatte das nur kurz mal, damals in der schule

hans und grete, die unschuld im walde und weizenkeime hinter sich lassend, auf dem nachhauseweg vom pfad nicht abzukommen. zwischen den bäumen nacht und finster, ein flackern, klein wie display, das haus der alten frau. ganz lieb, kommt rein, es gibt zu essen, ihr müsst schlafen, seid noch kinder und dürr. zeit geht weg, schneller als man es merkt, grete wittert verrat, mag die alte nicht, mag keine frauen insgesamt, „alte, du bist lieb, aber ich bleib lieber dürr“, hans dafür ein starker esser, bald dick und langsam. „ha“ sagt die alte, „ich (die alte) nämlich hexe und jetzt brate ich hans und grete kriegt nix ab, die dumme dürre.“ i don`t know how the rest goes but in the end the two kids manage to shove the old witch into her own oven and find their way back home. they probably even found some items of great monetary value among the witch`s belongings and hence can buy their parents out of their poverty.

aber sie schläft eben trotzdem nicht ein. was also folgt, hatte sich nicht vom märchen vertreiben lassen und geht niemanden etwas an. manni weiß grob bescheid, aber der hält auch dicht.

2. nachtwache / fuck the watch away

räudig. kurz bevor die wachschicht anfängt, kommen zwei andere hausbesetzer auf das schlafpodest. wir haben wohl ihre matte vollgesudelt und täuschen jetzt plötzlichen und tiefen schlaf vor. die beiden neuen flüstern kurz, arrangieren sich auf einer luftmatratze und es dauert nicht lange bis deren gummigeräusch verstummt, sie wohl eingeschlafen sind. der dame neben mir ist das soweit schnurz, sie sucht nach einer unterhose. ich finde uns unfreundlich, meine, wir hätten uns an der gastfreundschaft vergangen. sie hat die hose gefunden, ist eher an der nächsten heimlichen matte interessiert. wir liegen weiter starr, warten auf einen nächsten geflüsterten vorschlag vom anderen, wissen, wir sollten jetzt besser gehen, draußen wartet manni, mit dem ich von vier bis sechs wache schieben soll, also in zehn minuten. er hat uns beide auf einer liste eingetragen und sich darüber, er hat uns beide zu verantworten, alle drei sind wir eingetragene hausbesetzer, zumindest für diese nacht. weg müssen wir, zur wache oder woanders hin, auf jeden fall runter vom podest und über den gekachelten flur. würde es festgehalten, man würde das leben in den meisten momenten als ein etwas lachhaftes trauerspiel identifizieren: eine gastbesetzerin und ein gastbesetzer schleichen halbnackt und mit billigschlafsäcken um die hüften gewickelt über dunkle flure, riechen nicht unbedingt schlecht, aber streng. sie wollen aus unklaren gründen nicht von den übrigen freiheitskämpfenden mit sex in verbindung gebracht werden. an einer tür hängt ein improvisiertes namensschild – ein „h“ in blockschrift, mit kringeln ausgemalt –, dahinter jemand schlafendes, sich häuslich gebend im mitgebrachten pyjama. manni im wachraum, mit tabak in der hand und einem kohlefilter im mundwinkel „hey, es kommt gleich noch jemand von hier, ihr braucht nicht mit wacheschieben.“ sie findet das gut und legt sich ab, ich flüchte vor weiterer nähe und drücke mich ein viertel stündchen auf dem wachposten rum. nichts kommt, keine bullen, keine fußgänger, nichtmal hupen in der ferne. am folgenden tag werde ich dann überlegen, wie ich mich der besetzung gegenüber erkenntlich zeigen kann, ob ich mich für mehrere weitere wachschichten eintragen sollte, oder einen großen vorrat an zahnpasta spenden, oder gummis.

via sabellini

in rom (auch 8)

legendär: ich habe mich um die mittagszeit und weithin sichtbar bis auf die unterhose ausgezogen und bin über eine absperrung gesprungen. auf der anderen seite und ein stück weiter unten war strand, ein paar meter auf den horizont zu das meer. da bin ich reingerannt und kopf über in die wilde wilde see getaucht. zurück an der oberfläche nach links geschielt, in richtung zweier typen, die sich mit einem kleinen bagger an einem rohr zu schaffen machten und eventuell besitzer der bucht waren, oder vielleicht mit deren besitzer verbändelt, dem sie mein vergehen hätten melden können.

MAN LEBT NUR EINMAL UND IST BEMÜHT, NICHT DABEI ERWISCHT ZU WERDEN

es ging alles so schnell, dass manni, obwohl er einen schnellen film geladen hatte, kein anständiges bild von mir in den fluten schießen konnte. mit glück wird auf dem foto noch zu erkennen sein, dass ich mit nasser unterhose über eine rostige absperrung klettere, das mittelmeer und wolken im hintergrund. auf der anderen seite des bildes wäre also manni und sonst niemand, weil mittag war und da wohl alle, oder die meisten zuhause hinter ihren fensterläden beim essen sitzen.

schlecht für die legendenbildung und nicht auf dem foto zu erkennen: MAN LEBT NUR EINMAL UND IST IN EILE, NICHT DABEI ERWISCHT ZU WERDEN. gott sei dank nicht auf dem foto zu erkennen, wie ich mich anschließend umziehen sollte, der straße abgewandt, geduckt hinter einem steinklotz unklarer bestimmung, ein hemd als sichtschutz über den lenden, sitzend auf dem boden und in einer getrockneten pisslache. dann einen meter aus der deckung zu rutschen, weg aus der pisse, beobachtet von geparkten fiats und bmws.

der steinboden hat angenehm am bleichen hintern gekratzt, mit glück hat das auch ein bisschen vom fremden urin abgeschabt. schlechte legende auch insgesamt. ein stück weiter die promenade runter kostet der strand keinen eintritt mehr. da badet die jugend aus der örtlichen schule, ein paar alte männer mit ledrigen häuten stehen im wind und genießen die uhrzeit, oder sind traurig, dass sie niemanden haben, der ihnen ein mittagessen kocht.

großstadtmüll / i got my head checked

in rom (8)

der traum hatte bis zum großen hupen vom a-team gehandelt bzw. von dessen ende. die kamera, also die kamera (ich war das ja nicht, so gut kenne ich mich doch überhaupt nicht, deshalb bin ich doch immer so überrascht), eben die kamera war in einem lieferwagen unterwegs, zusammen mit einer pressesprecherin und einem fernsehteam, das die referentin und die ruckelige fahrt auf übergroßen vhs-kassetten aufgezeichnet hat. das a-team sei tot, ermordet, man könne sich davon in der kühltruhe hier an der bordwand überzeugen, woraufhin sie deren deckel aufgeklappte und auf graue fleischklumpen in einer brühe aus fett und eiswasser verwies. alles weitere war unklar, darum ginge es ja, dass man doch endlich herausfinden müsse, wer die helden der jugend ermordet habe, oder was, und dass man zu diesem zweck jetzt zum nächsten schauplatz dieses komplexes fahre, wo weitere hinweise verborgen seien. also paradox. unklar und gleichzeitig und mit einem winzigen bisschen von – was? keine ahnung – ganz leicht lösbar. ein labyrinth von göttern oder idioten gebaut, die jede lust verloren haben, uns dabei zuzusehen, wie wir ihre aufgaben zu lösen bemüht sind. das ist doch der scheiß, dass es so kompliziert ist und einem doch niemand auf die schulter klopft. bzw. halt, stop, dass es keine verschworene gemeinschaft gibt, wie das a-team, innerhalb derer man sich nach einem erfolg auf die schultern klopft. bzw. nochmal stop. dass es solche gemeinschaft schon noch gibt, aber es um nichts dringendes geht, wie zum beispiel um den tod. es geht immer nur um den schmuck und die blumen, ums ÜBERleben, das über dem leben in seiner sandkiste wühlt und bürgchen baut. das UNTERleben ist uns kids wohl nur mit drogensucht, oder mit einer emmigration nach bulgarien zugänglich, von wo aus man nach deutschland zwecks arbeiterstrich einreisen kann. die referentin war nicht in rage, dafür war das schaukeln des lieferwagens wilder geworden.

draußen hupte es. kein wort, nur hupen. lang, kurz, rauchig, tief, anders.

das a-team war danach nicht mehr thema. die suche nach irgendetwas unkoscherem war geblieben, irgendein verbrechen lag weiter in der luft im traum. ein schloss mit verwitterten statuen um sich und mit köpfen aus angefressenem stein in seiner fassade, keine referentin mehr, dafür eine anklägerin, eine frau, der unrecht getan worden war. gekleidet und in ihren bewegungen im stil aufgebrachter urlauber denen man etwas gestohlen hat – zum beispiel irgend ein recht –, ist sie durch den park geeilt, einen arm stets um den rucksack auf ihrem bauch gelegt. keine ahnung, was ich mit ihrer suche zu tun habe. trotzdem, man muss gegen das unrecht vorgehen, oder um es herumgehen. das hat als grund genügt.

deutscher christ (75er bus, rom)

hinter dem gesicht eines steinkopfes (ich war an seiner statue hochgeklettert) habe ich ein faltblatt mit kryptischen zeichen gefunden, gekünstelt irgendwie, und es war klar, es müsse sich um eine schatzkarte, d.h. um eine wegbeschreibung zum jugendverspeisenden monster handeln. oder zu einem anderen mistvieh, dass der urlauberin ihr recht genommen hatte.